Insel Institut

unterwegs auf dem Frachtschiff

II Provisorium


GRANDE EUROPA: eine Erzählung über Aufbruch, Isolation und Verwandlung.


ANTWERPEN | Tag 1 bis 3 | Sehnsuchtsvolles Warten im Hafen, auf das eine Schiff, das mit Verspätung doch noch kommt.

Das Taxi fährt mich um sechs Uhr morgens zum Hafen. Es ist Hochsommer, bereits hell. Das Thermometer hat gestern in der Antwerpener Innenstadt die 35 Grad-Grenze geknackt. Auch der hohe Norden ist vor der Hitze nicht gefeit. Gestern kam endlich der ersehnte Anruf. Sie hatten eine kleine Panne und darum drei Tage Verspätung, nichts Unübliches in der Seefahrt. Aber heute frühmorgens wird es anlegen, ich solle dafür pünktlich sein. Das Hafengelände ist riesig, Baukräne, Container, Brachland und irgendwo das Wasser. Antwerpen ist der zweitgrösste Hafen Europas. Hier hat der Riese Antigoon eine Maut von den Seeleuten eingefordert, sonst Hand ab. Für mich gibt es eine Spezialbewilligung, habe den Zettel gestern Abend im Hotel bereits ausgefüllt. Er wird gerade vom Zollbeamten kritisch beäugt. Dieser Blick macht mich immer leicht nervös. Schon als Kind wurde ich gerne als Erste verdächtig. Sie sieht harmlos aus, hat es aber faustdick hinter den Ohren, höre ich es von meiner Mutter nachhallen. Doch wir werden durchgewinkt. Containertürme soweit das Auge reicht. Dann sehe ich sie vor mir, GRANDE EUROPA, die Grosse mit der Weitsicht. 183 mal 32 Meter, 1998 fertig gebaut, Autofrachter der Grimaldi Linie, segelt unter italienischer Flagge. Es hat gerade erst angelegt, die Ladeklappe ist bereits offen. Ein gelber Gabelstapler fährt in den riesigen Schlund. Ich setze mich auf den nächsten Poller. Richte mich auf ein geduldiges Warten ein, das es in den nächsten Tagen wohl noch öfter für mich geben wird. Heute dauert es zu meinem Erstaunen gar nicht lange, bis jemand gezielt auf mich zu steuert. «Pamela? » fragt er. «Yes, that is me. » sage ich mit einem entschuldigenden Lächeln. Meine Mutter hat sich letzten Endes damit durchgesetzt. Der Name hat einen so schönen Klang, verspricht Extravaganz. Mein Vater wollte lieber etwas Bodenständiges wie Silvia oder Sarah. Sie konnten beide nicht wissen, dass es der Name einige Jahre später durch eine blonde Wassernixe in der TV-Landschaft weltweit zu einem zweifelhaften Ruhm schaffen würde. Ich gleiche ihr in keiner Weise. «I am James» antwortet er. Ja klar, du bist genauso ein James wie ich eine Pamela. Dann passt das hoffentlich ausgezeichnet. «I am your Steward». Er ist Filipino, macht diesen Job schon seit 15 Jahren, ist stolz, dass er es vom Matrosen zum Steward gebracht hat. Ich gehe mit ihm in den Schlund. James trägt meinen Rucksack, ich konnte ihn nicht davon abbringen.

GRANDE EUROPA | Tag 4 | Kammerbezug, Passagierin#1 in der Armatori, Viergänger in der Messe.

Wir fahren mit dem Lift an Deck des Frachtschiffs. Zehn Stockwerke mit 25 Mann Besatzung, Italiener und Filipinos. James lotst mich durch die langen Gänge, die immer mal wieder mit einer schweren Metalltüre durchtrennt sind, damit sich ein allfälliges Feuer nicht weiter ausbreiten würde. Ich habe viele Fragen. «When will we leave, James? ». «You never can tell. » antwortet er mir. James zeigt mir die Messe, hier werden ich und die Offiziere essen. Wann? «It depends, when we are on open sea, Dinner will be served at 8, Lunch at 12, Breakfast you are able to choose the time. ». Im Hafen kann sich alles ändern. Je nachdem wie die Lösch- und Ladevorgänge vorangehen. Die Fracht geht vor. James führt mich zur Armatori, die Eignerdoppelkabine. Die Schiffseigner nächtigen kaum darin, sie gehört aber zur Standard-Ausrüstung eines jeden Frachters. Jetzt ist sie mein Domizil. Die Kammer - nicht Kabine, klärt James mich auf - Badewanne/WC, Bett, separater Wohnraum mit Sitzgruppe, Schreibtisch, ist funktional in Brauntönen eingerichtet und alles festgeschraubt. James wird meine Kammer täglich reinigen. Eine zusätzliche Aufgabe für ihn. Ich höre einen leichten Frust in seiner Stimme und schlage ihm sogleich vor, dass er dies nicht machen muss. «I have to, that is my job.», zuckt mit den Schultern und weg ist er mit seiner leicht gekrümmten Haltung. Ich muss zur Einweisung. Ein Offizier geht mit mir die Gefahrencheckliste durch. Was tun, wenn Mann über Board? Nicht aus den Augen lassen und gleichzeitig Kommandobrücke informieren. Wir haken alles ab, ich darf unterschreiben und bin nun offiziell die erste und einzige Passagierin auf der Grande Europa. Ich mache mich auf die eigene Schiffsinspizierung...

Am Nachmittag sind immer noch angedockt. Die Matrosen erhalten gerade Besuch von zwei Damen. Sie sind von der Hafen-Seelsorge. Ich weiss nicht, ob sie auch die goldenen Armbanduhren mitgebracht haben. Für unsere andere Vorsorge, meint der eine Matrose. Gerne würde ich seinen Namen wissen, momentan sind die Matrosen immer noch ein Kollektiv. Ich ziehe mich auf meine Seite des Decks zurück. Ein paar ausramponierte Liegestühle stehen für den Gebrauch bereit. Ich lasse den Blick über das Containermeer vor mir schweifen ...

ÄRMELKANAL | Tag 5 | An Deck, windig mit Regen. Einladung zum Captains Dinner.

Um die 60'000 Frachtschiffe sind täglich auf den Weltmeeren unterwegs. 90% aller Güter der Welt werden auf dem Seeweg transportiert. Und nun befördert er auch mich. Morgens um vier geht es endlich los. Ich schlafe tief und fest. Um zehn Uhr morgens stehe ich in der Messe. Italienisches Frühstück, nicht mein Fall, zu süss. Kann ich James wohl bitten, es zukünftig auszulassen? In zwei Stunden gibt es ja schon wieder eine ausgiebige Mahlzeit. Oder ist das unhöflich? Ich sollte mehr wagen. Immerhin habe ich einen Whisky an Board geschmuggelt, obwohl das strengstens verboten ist. Laphroigh, Single Malt. Erinnert mich an die vielzähligen Inseln der inneren Hebriden, das saftige Grün, die schroffen Steine, der graue Himmel und die wilde See. Ich hoffte mich dort am Rande Europas neu zu finden. Es hat nicht geklappt. Aber diesmal bin ich fest davon überzeugt. Ich erleide keinen Schiffbruch. Inzwischen sind wir auf offener See, Ärmelkanal. Ich gehe so oft wie möglich an Deck, Frischluft und Regen weht mir ins Gesicht. Die weissen Klippen von Dover türmen sich an der englischen Küste auf. Ich fühle mich wie in Watte gepackt oder wie nach zwei Freinächten, sturmer Kopf und müde. Ist es das konstante Schwanken? Das Meer schützt mich mit seiner blauglänzenden Abdeckplane. Mitgenommen habe ich bewusst nicht viel. Ein paar Kleider und natürlich etwas zu schreiben. Denn jetzt ist es an der Zeit, alles zu notieren. Ich habe die Umgebung beschnuppert und für sicher befunden.

Beim Mittagessen lerne ich den Kapitän des Frachters kennen, Bernardo Fumetti. Kurz vor der Pensionierung, hager, setzt sich als erstes an das Kopfende des langen Tisches in der Messe. «Pamela join us», sagt er mit einer einladenden Geste. Ab sofort sitze ich nicht mehr singulär am runden Tisch, darf mich zu ihnen gesellen, den Offizieren und Ingenieuren. Du darfst überall hin, auch jederzeit auf die Brücke, ist das Erste und auch das Einzige, das er zu mir sagt. Ich bin erleichtert. Ich kann ab sofort auf die Kommandozentrale des Schiffs, das Heiligtum, nicht alle erlauben dies. Auch sonst macht Bernardo nicht viel Aufsehen um seine Person, lauscht lieber den Nachrichten auf Rai Uno. Als er aufsteht, machen es ihm seine Untergebenen gleich. Basta. Fertig mit Essen, weiter geht es an die Arbeit. Ich bleibe noch eine Weile sitzen.

SOUTHAMPTON | Tag 6 und 7 | Landgang, Samstagnacht in England. Wieder rauf auf den Kahn in die Kammer.

Wir steuern die Bucht von Southampton an, auch die Titanic legte hier ab. Ein Lotse steigt zu. Ich bleibe fasziniert auf der Brücke stehen. Der Engländer lotst den Frachter bis zum Hafen, es dauert über drei Stunden. Die Hierarchie ist klar, der Lotse schlägt Bernardo die Route vor, der Kapitän gibt die Befehle an den Steuermann weiter. Das gilt für jedes einzelne Kommando. Zwischendurch unterhalten sich Bernardo und der Lotse. Der Engländer überragt den Kapitän gut und gerne um 20 Zentimeter, spricht mit ausschweifenden Gesten, als ob er das Schiff dirigieren würde. Bernardo schlürft derweil gemächlich seinen Espresso.

Die Ufer kommen von beiden Seiten immer näher. Es ist ein schwieriges Einschiffen, das Meer ist flach, die Gefahr des Auflaufens gross. Ein Albtraum. Der Frachter schwimmt im Schritttempo vorwärts. Links blinken grüne, rechts rote Lichter. Hafenbojen. Sie melden, bis dahin und nicht weiter. Die Schlepper haben uns bereits an der Leine, ziehen das grosse Frachtschiff in den Hafen. Vor uns erscheinen die schwimmenden Hochhäuser, die geankerten Frachtern nahen. Mein erstes Andocken. Wir steuern langsam und minutiös unseren Landeplatz an. Der Anker wird runtergefahren, aus den Luken werden Taue zu den gelbwestigen Hafenarbeitern geworfen, bis das Schiff anschliessend mit etwa zwei Meter Abstand parallel zum Hafenquai rastet.

In Southampton gibt es für mich Landgang. James gibt mir Bescheid, sobald ich von Board kann. Ich erhalte meinen Pass zurück. An Deck bin ich papierlos unterwegs. Als sich der Ladeklappen-Mechanismus in Gange setzt und das tonnenschwere Maul aufgeht, fährt mich der Lift runter, wo die Matrosen am Arbeiten sind. Kisten auf den Stapler packen und bunte Knöpfe an Apparaten bedienen, dich ich nicht verstehe. Wir bleiben über Nacht, irgendwann am Morgen geht es weiter. Ich trete an Land, laufe den Containern entlang. Ist das nicht verboten? Mein Orientierungssinn lässt mich nicht im Stich, ich finde den Ausgang. An der Hauptstrasse folge ich den Wegweisern Richtung City. Autos rasen an mir vorbei, der Gehsteig ist dreckig, zu Fuss geht hier sonst niemand. Die ersten Hotelkomplexe tauchen auf. Downtown folgt. Samstagabend in einer englischen Kleinstadt ...

Der Landgang wird kurz. Ich kippe einen Drink in einer x-beliebigen Bar runter und mache mich nach gut einer Stunde wieder auf den Rückweg, Richtung Hafen. Gezielt bewege ich mich erneut durch das Containermeer bis zur Grande Europa. Erleichtert atme ich auf. Der Schlund ist offen und heisst mich willkommen. Rein in den Lift und rauf auf das Deck. Von der Crew und James ist nichts zu sehen. In der Zwischenzeit wurden um die 2000 Autos geladen. Die Grande Europa schifft ein Meer aus Hyundais (koreanisch: modernes Zeitalter) gegen Osten. Ich verschwinde in meiner Kammer, es ist kurz nach Mitternacht.

ATLANTIK | Tage 8 bis 14 | Die Tage mit in die Ferne, ins grosse blaue, grüne, graue Meer starren verbringen und sich neu finden.

Am Morgen wache ich mit lauter Pusteln am Körper auf. Bettflöhe. Es muss die Bettdecke sein. Ich spreche James darauf an. Er verneint, das kann nicht sein, alles sei sauber. Ich insistiere auf einer neuen Decke. Wir beginnen uns zu nerven. James mag meinen Tagesrhythmus nicht, ich schlafe zu lange, er hat kaum Zeit meine Kammer zu reinigen ... Wir fahren auf dem Atlantik, mein liebster Ozean, das Kartenwerk ist richtungsweisend. Es stürmt, ich kann kaum an Deck. Schreibe ein paar Zeilen. Ich erweitere meine Kreise durch die Gänge, wage es weitere Türen zu öffnen, entdecke die Wäscherei mit eingebautem Klo. Ebenfalls finde ich eine Umkleidekabine mit Box Sack. Ich haue probeweise ein paar Mal rein. Es ist gar nicht so einfach, er schwingt immer wieder zur Seite. Ich bleibe hartnäckig, eine neue Qualität, beginne mich leichtfüssig um den Sack zu bewegen.

Nach einigen Tagen an Board habe ich fast schon einen geregelten Tagesablauf. Kammer, Soggiorno, Deck, Offiziersmesse, Kommandobrücke. Und immer wieder Schreiben, mit dem Schaukeln der Wellen finde ich meinen Rhythmus ...

Es zieht mich einmal mehr auf die Kommandobrücke. Ein Offizier steht allein vor dem Steuer und lächelt. Ciao, I am Andrea. Ein weiterer Name zu einem doch schon vertrauten Gesicht. Andrea will wissen, wie es mir bisher gefällt. Immer müde, ob das wohl am Wellengang liege, frage ich ihn. Das kann schon sein, aber auch ihm geht es so. Andrea kommt von einer kleinen Süditalienischen Insel. Sehr schön, aber keine Arbeit, darum fahren auch so viele zur See. Entweder das oder sie werden Fischer. Aber ihm sind die Fische zu glitschig. Wieso ich denn freiwillig auf einem Frachtschiff mitfahre, will Andrea wissen. Ich schreibe. Ja? Was denn. Ich weiche aus, will mehr über ihn erfahren. Andrea erzählt mir, dass die Crew alle sechs Wochen neu zusammengewürfelt wird, Flexibilität ist gefragt, um mit den unterschiedlichsten Leuten zu Gange kommen ... Acht Monate Einsatz, dann folgen vier Monate Heimaturlaub. Das ist insbesondere für seine Frau hart, seufzt er, und zeigt auf seinen Ring ... Andrea freut sich sichtlich sich mit einem neuen Gesicht zu unterhalten. Ich ebenso, denn sonst spricht die Mannschaft kaum mit mir.

Die Tage ziehen vorbei. Ich schreibe viel, wahllos, was mir in Erinnerung geblieben ist. Das Gute und das Schlechte. Mein Geburtstag zieht wie alle anderen Tage aufs Wasser, in den tiefblauen Atlantik. Das Frachtschiff ist eine schwimmende Insel, wir docken nirgends an, seit Tagen schon ... Ich fühle mich isoliert. Das gehört zum Prozess. Ich bin eine parasitäre Insel und schwimme auf der Grande Europa mit.

STRASSE VON GIBRALTAR | Tag 15 | Nebel, langsame Veränderung.

Dann gibt es eine geografische Veränderung, wir biegen in die Strasse von Gibraltar ein. Das andere Ende. Ich habe den Kapitän schon einige Male gelöchert, wann wir denn nun da sind. Ist ja nicht so, dass sie angeschrieben ist. Am Rande Europa erhoffe ich mir den Durchblick. Bald sind wir da, meint Bernardo, in zwei, drei Stunden. Ich laufe nochmals ein Runde durch die Gänge, schaue ins Soggiorno, auf Deck ... Dann ist es Zeit und steige zur Kommandobrücke hoch. Um uns herum ist es weiss. Nebel. Ist das die Strasse? Ja, das ist sie. Ich sehe kaum die eigene Hand vor Augen. Das ist offenbar das Bild, das für mich gilt.

Am Abend sitze ich wieder als Erste am Tisch, habe mächtig Hunger. Die fremde Umgebung regt den Appetit. Die italienischen Nachrichten sind das Tor zu Welt, werden von der Crew des Öfteren mit Zwischenkommentaren versehen. Das Essen begeistert weniger, sie mögen den Norditalienischen Koch nicht, zu viele Kartoffeln. Mir schmeckt es. Die Viergänger sind gegessen und ich frage Bernardo, wie er so schlank bleibt, bei diesen Portionen. Ich nehme nicht alles. Dann steht er auf und die Anderen folgen ihm, buona sera. Ich trinke meine 2dl Ration Rotwein aus und finde Gefallen daran, die italienischen Nachrichten zu entziffern. Langsame Veränderung.

VALENCIA | Tag 16 | Einlaufen Im Hafen, ankern. Durchorganisierte Arbeit gepaart mit scheinbar ewigem Nichtstun.

Am nächsten Tag ist es wieder strahlend blauer Himmel. Wir sind kurz vor dem Andocken in Valencia, die Kräftige. Auch dieser Hafen ist gross, liegt jedoch im Gegensatz zu Southampton direkt am offenen Meer. Kein mühseliges Einschiffen. Die Lotsen steigen zu und schon sind wir an der Anlegestelle. Von der Stadt ist nichts zu sehen. Ich schaue den Lösch- und Ladevorgängen von Deck aus zu, bin zufrieden, denn Hauptsache Wassernähe, das war schon immer wichtig. Meine Mutter war hochschwanger noch in der Badeanstalt, als ich mich einen Monat zu früh angemeldet habe, ich hatte wohl das Wasser gerochen ... Schreibpause, ich nehme meine Position auf Deck ein. Dort verirrt sich sonst kaum einer. Gerade sehe ich jedoch, wie zwei Matrosen ein Müllcontainer mit der Seilwinde auf meiner Seite runterlassen. Es ist heiss und schwül, dann passiert es. Die Seilwinde reisst und prallt nur ein paar Meter neben mir auf den Boden. Die Zeit steht still, ich starre auf die zerrissene Winde. Der eine Matrose packt das Seil in aller Ruhe und rollt die Winde wieder auf, als ob nichts geschehen wäre. Es gibt immer wieder was zu flicken ...

MITTELMEER | Tag 17 | Wieder auf hoher See, ruhiges, tiefblaues Meer und Liebeslieder.

Wir sind erneut in Fahrt. Plätscherndes Mittelmeer, eingemittet, hier scheint die Sonne nun wirklich ausnahmslos. Bei dieser ruhigen See gibt es weniger für die Mannschaft zu tun. Ich nutze die Gunst der Stunde. Einige der Matrosen sind auf Deck versammelt, singen und einer, John, spielt Gitarre. Ich geselle mich dazu. Sie haben einen kitschigen Musikgeschmack, singen philippinische Liebeslieder. Ich bin entflammt und darf mitsingen, wähle Lieder, die zum Schreien animieren, aus. Ein Matrose, Ross, filmt ganz begeistert meine Gesangsdarbietungen. Er ruft, das schicke ich nach Hause. Ich fühle mich befreit. Singe noch ein Lied und noch eins. Es werden Stunden. Das Singen hilft mir bei meiner Entscheidung. Alles soll in Rauch aufgehen, nicht ins Wasser fallen.

SALERNO | Tag 18 | Warten auf den einzigen Anlegeplatz im Hafen. Runter vom Kahn, drei Meere und vier Häfen später.

Achtzehn, die Zahl der Volljährigkeit. Heute ist es soweit, ich werde das schwimmende Europa verlassen, für Süditalien. Ich bin ruhig, die Worte sind notiert. Einmal noch ein Mittagessen in der Messe, erneut alleine. Die Mannschaft ist mit der Einschiffung beschäftigt. Wir warten auf den einzigen Anlegeplatz im Hafen von Salerno. Ich packe meine wenigen Habseligkeiten, wo war schon wieder die Whiskyflasche? Ich schultere den Rucksack, diesmal selbst, er ist um einiges leichter. Die Türe der Armatori fällt ins Schloss, während der Frachter langsam seinem Anlegeplatz entgegensteuert. Ich suche James in seiner Kabine auf und gebe ihm ein grosszügiges Trinkgeld. Er quittiert es mit seinem falschen Lächeln, vielen Dank Pamela. Den Matrosen gebe ich auch noch einen Schein, sie haben mir mehr geholfen, als es ihnen bewusst ist. Runter mit dem Lift, Pass nonchalant entgegennehmen. Ich trete langsam aus dem Schlund und laufe zielstrebig aus dem nahen Hafen Tor. Bald zieht die Grande Europa weiter. Nach mir bezieht kein Passagier#2 die Armatori, da habe ich mich vergewissert.

ZÜRICH | TAG 21 | Feuer folgt auf Wasser.

Ich lese den Artikel einige Tage später auf meinem Laptop zuhause, musste nicht lange suchen. Die Grande Europa hat Feuer gefangen. Die Armatori ging in Flammen auf. Die 25 Mann Besatzung wurde mit dem Helikopter auf das nahe Festland gebracht. Ein Schwelbrand? Bernardo, Andrea,John, Ross, auch James, alle unverletzt. Das Schiff wird gerade abgeschleppt. Feuer folgt auf Wasser. Ich schlage den Laptop zu, schaue aus dem Fenster in den graublauen Himmel. Der Wind zeichnet Herbstlaub-Strassen in die noch lauwarme Luft. Ist wohl die Strasse von Gibraltar dabei? Aber auch das ist nicht mehr relevant.

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II präsentiert sich II residiert in Island II zeigt Flagge II gründet eine Gesellschaft II unterwegs auf dem Frachtschiff II chattet über Partizipation II baut Provisorien


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